4. November 2018

GLÜCK IM UNGLÜCK

Wenn Radfahrer den Kürzeren ziehen

By In Sport

Hier sitze ich nun, am Ende einer wunderbaren ersten Radsaison, mit einer Gipsschiene, blauen Flecken, Schürfwunden und der Angst, dass ich nie wieder auf ein Rennrad steigen werde. 

Vier Wochen Freizeit lagen vor mir. Damals anfangs Oktober. Ich wollte mir eine bewusste Auszeit von meinem Leben als Frau, Mutter, Arbeitnehmerin und Selbstständige nehmen. Eine Bikepacking Tour durch die Schweiz sollte den Monat einläuten. Ich habe mich riesig gefreut und, zugegeben auch ein wenig gefürchtet. Ich war noch nie alleine mit dem Rad unterwegs, bin eine Niete in Sachen Routenplanung und auch sonst manchmal ziemlich verpeilt. Während andere Leute die Gabe haben, Dinge richtig durchzuplanen, lege ich lieber direkt los.

Drei gepackte Radtaschen, eine Übernachtung im Zelt und rund 174 Kilometer später dann das schlagartige Aus meiner romantischen Fahrt. Ein Autofahrer hat mich auf einer schnurgeraden Strasse schlichtweg übersehen und umgefahren.

Bis zu dem Moment, in dem man selbst betroffen ist, denkt man ja immer, mir passiert sowas nicht oder hoffentlich passiert mir sowas nicht. Niemand ist davor gefeit, ob guter oder schlechter, alter oder junger Radfahrer, Fussgänger oder Fahrzeuglenker – ein unachtsamer Moment genügt und schon kracht es. Den oder die Schuldigen zu ermitteln ist oft schwer.

In meinem Fall war es glasklar. Der Autofahrer hat statt auf die Strasse aus dem Seitenfenster geschaut und das, zugegebnermassen wunderbare Bergpanorama bestaunt. Im letzten Augenblick muss der Mann realisiert haben, dass auf der Strasse vor ihm etwas nicht stimmt und hat das Lenkrad nach rechts gerissen. Ansonsten hätte mich das Auto wohl frontal erfasst. Ich hatte Glück im Unglück und bin froh, dass ich mit einem gerissenen Muskel im Unterarm, ein paar Schürfwunden, einigen blauen Flecken und einem Schrecken davon gekommen bin. Meine Verletzungen und Wunden werden heilen, manche schneller, einige brauchen etwas mehr Zeit.

Was mich seit dem Unfall besonders beschäftigt, ist mein Respekt am Strassenverkehr teilzuhaben. Es fällt mir schwer, an Strassen ohne Bürgersteig entlang zu gehen. Wenn ich über die Strasse überquere, warte ich am Streifen bis das Fahrzeug steht, stelle Sichtkontakt zum Fahrer her und erst dann laufe ich. So habe ich mich früher nie verhalten. Ich war eher diejenige, die unachtsam über die Strasse ging, gerne auch mal ohne den Fussgängerstreifen zu nutzen oder noch schlimmer, bei rot!

Ich weiss, dass ich mich meiner Angst stellen muss, wenn ich bald wieder mit dem Rad auf der Strasse fahren möchte. Ich habe mir dazu eine Strategie zurechtgelegt. Solange ich nicht fahren kann, laufe ich so oft es geht an stark befahrenen Strassen. Einen Weg so, dass ich die Autos kommen sehe, den anderen Weg habe ich die Autos im Rücken. Ich übe auch auf schmalen Strassen. Auf so einer hat mich das Auto vor vier Wochen erfasst. Kommt mir ein Auto entgegen versuche ich dem Impuls von der Strasse zu treten nicht nachzugeben. Es gelingt mir immer öfter und auf eine kindliche Art und Weise bin ich jedes Mal stolz, wenn ich eine neue „Aufgabe“ im Strassenverkehr gemeistert habe. Sobald mein Arm wieder in Ordnung ist, ich mit ausreichend Kraft sicher und schmerzfrei bremsen und koordiniert lenken kann, will ich mir auf wenig befahrenen Strassen meine Sicherheit auf dem Rad zurück erobern.

Bei aller Angst freue ich mich nämlich sehr auf den Moment, in dem ich wieder im Sattel sitze, mit meinen Freundinnen um die Wette fahre, lache und das Leben auf dem Rad geniesse. Schon alleine daran zu denken, erfüllt mich mit Verlangen – nach Wind in meinem Haar, kühlender Luft auf meiner Haut, steilen Strassen und rasanten Abfahrten. Radfahren gibt mir eine enorme innere Zufriedenheit die ich nicht mehr missen möchte.

4 Comments
  1. Heidi 4. November 2018

    Alles Gute, baldige Rückkehr aufs geliebte Rad. Dass deine Verletzungen bald auskuriert sind. Griessli Heidi

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    • Ana
      Ana 5. November 2018

      Liebe Heidi, vielen Dank für die guten Wünsche. Es geht aufwärts, vieles was vor zwei Wochen mit meinem Arm oder meiner Hand noch nicht geklappt hat, funktioniert langsam wieder. Und alles andere wird sich finden. Ich bin da relativ entspannt.

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  2. David 4. November 2018

    Ganz gute und rasche Genesung, damit du bald wieder deiner Leidenschaft nachgehen kannst! Was mir beim Lesen aufgefallen ist, wenn du schon der Strasse entlang läufst, dann bitte „Links gehen, Gefahr sehen“. Velogruess David

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    • Ana
      Ana 5. November 2018

      Lieber David, danke für deine guten Wünsche und den Tipp mit dem Links gehen. Das ist mir durchaus bewusst allerdings sehe ich genau darin die Herausforderung. Dass ich die Gefahr, die mir angst macht nicht sehe. Wenn ich auf dem Velo sitze kann ich auch nicht links fahren. Da muss ich mich zwangsläufig an die Strassenverkehrsordnung halten.

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